Zurück zu deiner AuthentizitätChampaka:
Du hast gesagt, du hast neue Ideen für die Natsukashii Gruppe diesen Sommer. Kannst du uns davon erzählen?
Kohrogi:
„Quaria“ ist zurzeit ein sehr beliebtes Diskussionsthema in Japan. Es bedeutet, dass unsere Sensitivität individuell sehr unterschiedlich ist. Zum Beispiel: Wenn ich eine rote Rose ansehe, werde ich natürlich die rote Farbe wahrnehmen. Und du wirst auch die rote Farbe sehen können. Aber die Art unserer Wahrnehmung wird verschieden sein.
Oder wenn ich etwas Glattes oder Weiches angreife. Wie ich es fühle wird sich von dem unterscheiden, wie du es fühlst. Das ist sehr wichtig. Jeder hat seine eigene Art, Dinge wahrzunehmen. Ich möchte gerne, dass ihr das begreift und dass ihr in dieser Natsukashii Gruppe beginnt, eure eigene Art zu fühlen und wahrzunehmen zu akzeptieren. Durch eure Erziehung und eure Prägung wurdet ihr gezwungen, auf eine bestimmte Art zu fühlen. Eure Echtheit (Authentizität) wurde korrigiert und eine Norm wurde euch vorgegeben. Diese Diskrepanz hat in eurem Leben zu Unbehagen und Problemen geführt.
Champaka:
Kannst du mir genauer erklären, wie unser “Quaria”, unsere Authentizität, durch Disziplin und Erziehung unterdrückt werden kann?
Kohrogi:
Warum willst du dein Kind erziehen? Warum willst du es disziplinieren? Weil du das Gleiche erfahren hast, als du klein warst. Du hast das Gefühl dein Kind erziehen zu müssen, weil es geboren wurde. Wenn du kein Kind hast, kannst du nichts tun. Du kannst nicht die Kinder von anderen disziplinieren. Manche Leute (die Lehrer genannt werden) glauben sogar, dass sie Kinder erziehen können und auch sollen. Das ist ein sehr eigenartiger Beruf. Also, warum wird ein Kind geboren? Der ganze Sinn ist der Beginn eines neuen Lebens. Das Leben hat den Impuls sich selbst zu reformieren, zu erneuern. Durch Disziplin und Erziehung hältst du das Kind aber in der alten Lebensweise fest. Zum Beispiel wird dir in der Schule beigebracht, dass du eine bestimmte Erscheinung einer Farbe „rot“ nennen sollst. Sprache muss beigebracht werden. Es gibt verschiedene Schattierungen von rot. Gewisse Rot-Töne schauen aus wie Blut, andere wie der Sonnenuntergang, wieder andere tendieren mehr ins orange. Wie erkennst du, dass das rot unterschiedlich ist? Das ist unsere Authentizität. Aber dann kannst du nicht angepasst an die Gesellschaft sein. Leute glauben, dass ihre Authentizität, ihre Individualität durch Erziehung und Disziplin unterstützt wird. Aber die Wahrheit ist, dass wir durch den Prozess der Erziehung und Disziplinierung unsere Authentizität verlieren. Es ist sehr kompliziert.
Warum wurdest du überhaupt geboren? Es ist so geschehen, damit du die Chance hast, dich selbst zu erkennen. Du wurdest physisch als Baby geboren, aber du musst nochmals geboren werden, als dein wahres Selbst. Diese Erkenntnis, dass du dein eigenes Selbst bist kannst du im täglichen Leben fühlen, wenn du den Wind fühlst und das Sonnenlicht und auch im Schlaf und am Morgen, wenn du aufwachst und hungrig wirst… deine ursprüngliche, eigene Art das Leben zu erleben. In anderen Worten ist diese Erkenntnis, dass das natürliche Sein das Beste ist, ist so als würdest du nochmals geboren werden. Aber eigentlich ist dir gesagt worden, dass dir etwas fehlt. Du musst dir dessen bewusst werden und es dir immer vor Augen halten. Auch deine Eltern glaubten, dass ihnen etwas fehlt.
Aber du wurdest geboren, um zu begreifen, dass du bereits vollständig und ganz bist. Dir wurde eingeredet, dass du Geld, Ausbildung und Anerkennung von anderen brauchst, um dich vollständig zu fühlen. Es ist immer der Weg vom Zuckerbrot und Peitsche. Bemühe dich, dann wirst du Erfolg haben und du wirst dich glücklicher fühlen. Ich möchte, dass du das jetzt erkennst, diesen intensiven Moment, der so vollständig, so vollkommen ist.
Champaka:
Das erinnert mich daran, dass ich sogar in Therapie oder in Meditation gewisse Vorstellungen hatte. Ich dachte, ich soll mich so oder so fühlen oder ich soll das erfahren oder ich soll so werden. Und wenn ich nicht genau das erfuhr, was ich mir vorgestellt hatte, dann war das ein großes Problem.
Kohrogi:
In Therapiearbeit und Meditation erfahren manche Leute tiefe Entspannung und andere wiederum fühlen nur leichte Entspannung, haben aber sehr subtile Empfindungen dabei. Diese Unterscheidung ist wichtig. Wenn du aber anfängst, deine Erfahrungen zu hinterfragen und sie mit der von anderen Personen vergleichst, dann fühlst du dich unsicher. Ist das in Ordnung oder nicht? Diesen Sommer möchte ich, dass ihr kurzfristig eure Fragen ausblendet. Lasst sie einfach beiseite ohne jegliches Urteil. Was auch immer ihr in der Gruppe erfahren werdet, es könnte sein, dass ihr die Antwort während dieser drei Tage nicht bekommen werdet. Dann könnt ihr es mit nach Hause nehmen. Wichtig ist dabei eure ursprüngliche Erfahrung.
Es wird oft gesagt, dass Menschen soziale Tiere sind. Wir gehören einer Schule oder einer Organisation an etc.. Wir identifizieren uns mit gewissen Ideen, dass wir Mann, Frau, alt, jung, etc. sind. Wir lieben es, etwas anzugehören. Aber wir gehören schon der menschlichen Art an. Ich glaube nicht, dass wir irgendetwas anderem angehören müssen. Wenn wir etwas tiefer gehen, können wir sagen, wir gehören dem Leben an. Wir können unglaubliches Glück und gewaltige Freude empfinden. (Ureshii auf Japanisch). Das Leben ist in anderen Worten Ureshii. (Glück und Freude). Der Weg zu Ureshii und wie jedes Individuum empfindet ist unterschiedlich. Ich möchte, dass ihr das in eurer ursprünglichen, natürlichen Art empfinden könnt.
Champaka:
Ich glaube, dass jeder bewusst oder unbewusst nach Ureshii sucht. Zuerst glauben wir, dass wir diesen Zustand des Ureshii durch mehr Geld, Besitz oder höheren Status etc. erreichen können. Dann begreifen wir, dass uns diese äußerlichen Dinge keine richtige Zufriedenheit verschaffen. Die Leute, die zu Natsukashii kommen, wissen das und suchen nach Ureshii in ihnen. Kannst du uns mehr darüber erzählen?
Kohrogi:
Ich habe gesagt, dass ihr bereits vollständig und erfüllt seid. Die Steine und die Blumen und Pflanzen, alles um euch herum hat immer schon still darauf gewartet, dass ihr es erkennt. Ihr aber sucht nach Ureshii am falschen Platz. Ihr konzentriert euch auf äußerliche Ereignisse oder ungewöhnliche Dinge in eurem Leben, während Ureshii in euch, in eurem normalen, alltäglichen Leben auf euch wartet.
Champaka:
Wir können diese Erfülltheit in unserem alltäglichen Leben nicht fühlen. Es erscheint unmöglich hier und jetzt zu sein und den Saft des Lebens auszupressen. Wir können nicht schätzen, was wir haben, wo wir sind und wie es uns geht. Wir wurden konditioniert jemand zu werden und unser Glück woanders zu suchen. Die ganze Motivation zum Leben scheint auf Ambitionen aufgebaut zu sein. Ich glaube, die prinzipielle Voraussetzung um die Vollkommenheit des Lebens zu erkennen ist es hier und jetzt zu sein. Wir aber sind immer entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit.
Kohrogi:
Das stimmt.
Champaka:
Viele von uns fühlen, dass unser geschäftiger Verstand uns daran hindert hier und jetzt zu sein.
Kohrogi:
Jemand hat mich vor zwei Jahren nach dem geschäftigen Verstand gefragt.
Champaka:
Ja, und du hast auch letztes Jahr erwähnt, dass man nicht versuchen soll die Geschäftigkeit des Verstandes zu regulieren. Wir verstehen das, aber wenn wir wieder in unser alltägliches Leben zurückkehren sind wir wieder mit demselben geschäftigen Verstand konfrontiert. Viele Leute beschweren sich über ihren machtvollen, geschäftigen Verstand.
Kohrogi:
Wenn du sagst, dass dein Verstand besonders stark und mächtig ist, dann machst du deinen Verstand zu etwas Besonderem. Der Verstand von jedem Menschen bewegt sich schnell. Aber wenn du jemanden siehst, der still ist, dann tröstest du dich damit, dass du annimmst, dass der Verstand von diesem Menschen viel schwächer sein muss als deiner, der besonders stark ist. Du bist davon überzeugt, dass dein Verstand nicht kontrolliert werden kann. Gleichzeitig aber willst du ihn immer noch mit gewisser mächtiger Hilfe kontrollieren. Wenn du wirklich Hilfe willst, dann musst du dich total ausliefern. Master Shinran (ein buddhistischer Meister) lehrte uns, uns der Existenz vollkommen auszuliefern. Wenn du das kannst, wirst du begreifen, dass die Existenz wirklich ganz für dich sorgt. Im Westen erscheint dies absurd. Und die meisten von euch werden es nicht zustande bringen. Möglicherweise denkst du, du seiest niemand und hilflos, wenn du diesem Ratschlag folgst. Dir wurde beigebracht, nicht mit dem Strom des Lebens zu schwimmen. So kämpfst du zum Beispiel auch mit deinem geschäftigen Verstand. Du versuchst die eine oder die andere Therapie oder Meditation um dies oder das zu verbessern. Für manche wird es zu viel und sie brechen zusammen in diesem Prozess, aber bald schon stehen sie wieder auf und beginnen wieder zu kämpfen…
Wenn du aus einer Distanz beobachtest was du tust, wirst du erkennen, dass das genau der Strom deines Lebens ist. Du folgst dem Fluss des Lebens. Natürlich wird dein Leben in diesem Fall ein reißender Strom. Mit Fluss des Lebens meine ich eine viel langsamere, ruhigere Bewegung eines riesigen Flusses. Du treibst einfach in ihm.
Stell dir vor, du schwimmst im Fluss und plötzlich bekommst du einen Krampf im Bein und im Arm. Wenn du in Panik gerätst und versuchst etwas zu tun, wirst du einen weiteren Krampf im Bauch bekommen. Mit ist so etwas schon einmal passiert. Wenn du weiter gegen die Krämpfe ankämpfst, dann verkrampft sich dein ganzer Körper und du wirst sterben. Aber wenn du dich einfach entspannst, dich im Fluss treiben lässt, nichts tust und den Schmerz einfach beobachtest, dann wird der Krampf binnen 5 bis 10 Sekunden verschwunden sein. Mit deinem Verstand verhält es sich genauso. Wenn du anfängst mit deinem Verstand zu kämpfen, dann wirst du mehr Krämpfe bekommen und wenn du weiterkämpfst (weil du den Kampf nicht verlieren willst) dann wirst du zu einem großen Klumpen Verstand.
Um zum Thema Authentizität zurückzukommen: Jeder ist einzigartig und ursprünglich. Du kannst es mehr schätzen. Aber vielleicht kommt dir das zu gewöhnlich vor, um es zu schätzen. Du fragst dich vielleicht: „Was schätze ich an mir selbst?“ oder „Ich kann keinen Fortschritt oder keine Entwicklung bei mir feststellen.“ Du bist es gewohnt, deine Authentizität so zu sehen. Zuerst erreichst du etwas und schaust herum und vergleichst dich mit Anderen und wenn du merkst du bist besser als Andere, dann fühlst du deine Einzigartigkeit. Du beurteilst auch deinen eigenen Verstand. Dieser Verstand ist wankend, schlecht. Dieser Verstand ist stabil, gut! Und wieder erschaffst du eine Pyramide. Letzten Endes kann ich keinen Frieden finden, bis jeder friedvoll geworden ist. Wenn ich Frieden gefunden habe und Stille, dann ist es nur natürlich, dass ich mir das auch für alle Anderen wünschen würde. Jeder der angekommen ist, wünscht sich das. Da dieser Prozess anstrengend ist und du Leuten zusehen musst, die so hart kämpfen, aber nicht fähig sind die Wahrheit zu erkennen, wirst du vielleicht zu dem Schluss kommen, dass diese Wahrheit nichts für Dumme ist. Und wieder erschaffst du eine Pyramide. Der Verstand ist rechthaberisch. Es liegt in seiner Natur. Ich erinnere mich: Ich habe eine Zeit lang in einem Kaffeehaus gearbeitet. Während der Arbeit hörte ich immer Rock and Roll und Popmusic auf meinen Lieblingsradiosender. Ich drehte lauter, um die Musik richtig zu genießen. Dann kamen Kunden herein. Sie kamen ins Cafe, um sich übers Geschäft oder über andere Dinge zu unterhalten. Natürlich mussten sie etwas lauter als normal sprechen, da die Musik ja schon laut war. Also konnte ich die Musik nicht mehr richtig hören und so drehte ich wiederum lauter. Die Kunden wurden somit wieder lauter und so ging das weiter, bis es sich letztendlich anhörte als würden sie sich anschreien.
Genauso verhält es sich mit dem Verstand. Wenn wir anfangen, ihn zu bekämpfen, dann ist der Verstand glücklich, dass er zum Zentrum unserer Aufmerksamkeit geworden ist. Wie ich euch schon zuvor gesagt habe: Lasst den Verstand einfach arbeiten. Lasst ihn Anteil haben. Euer Verstand will an eurem Leben teilhaben. Empfangt ihn mit offenen Armen. Dann wird sich das Karma auflösen, weil es nicht unterdrückt wird. Man kann das vergleichen mit dem Umgang mit einem kleinen Kind. Oft fängt man an, es herumzukommandieren und zu versuchen, es zu kontrollieren. „Mach das nicht!“, „Wie oft muss ich es noch sagen?”. Man ist ganz darin gefangen, das Kind zu kontrollieren. Aber wenn man sich die Situation genauer ansieht, dann wird man seinen Fehler erkennen. Zuerst einmal hat man die Bedürfnisse des Kindes nicht richtig erkannt. Das ist der Grund für sein Verhalten. Wenn du alles (und damit meine ich auch deinen Verstand) an deinem Leben Anteil nehmen lässt, dann werden all deine Traumata, die schwierigen Erinnerungen und Gefühle harmonisiert werden und alles wird in dieser Welt in Freude aufgelöst werden. Ohne diese Erfahrung ist niemand fähig, Mitgefühl für Andere zu empfinden. Stell dir vor, jemand wurde mit einem stillen Verstand geboren und ist einfach still. Dann wird er nie fähig sein, die Schwierigkeiten Anderer zu verstehen.
In der Natsukashii Gruppe erfährst du Ruhe und Freude. Das kann eine Zeitlang nach der Gruppe bestehen bleiben. Dann wiederum wirst du möglicherweise wieder mit deinem geschäftigen Verstand konfrontiert werden. Viele von euch mögen diese Erfahrung gemacht haben und es schwierig gefunden haben, dies zu akzeptieren. Ich rate euch, es leicht zu nehmen. Wenn es passiert, dann sag dir einfach, dass dein Verstand einen aktiven Tag hat. Lass ihn teilhaben. Der Verstand wird immer seinen Platz fordern, so oder anders. Unser physikalischer Körper ist das Mittel für unseren Verstand, um sich auszudrücken. Eine kämpferische Haltung gegenüber unserem Verstand schafft in uns eine Spannung.
Champaka:
Kannst du dieses Jahr auch über Mu-Meditation sprechen? Das war sehr kraftvoll und intensiv letztes Jahr.
Kohrogi:
Ich werde euch dieses Jahr in die fortgeschrittenen Mu-Meditation einführen. Ich bin mir nicht sicher, ob „fortgeschritten“ hier das passende Wort ist. Ihr werdet eine klarere Erfahrung durch Mu-Meditation haben. Es wird auch leichter werden.
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